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Coaching zwischen Flipchart und Eisberg

Ich benötige immer wieder Auszeiten. Ruhezeiten, am liebsten in einsamer Natur, um meinen eigenen Gedanken Raum zu geben und Neuland zu betreten. Beim Joggen durch einen farben-frohen Herbstwald oder beim Wandern auf einem Berggrat mit Weitsicht, finde ich Luft zum Atmen und erhasche frischen Sauerstoff, der neue Ideen und Visionen anregt. Denn allzu oft ist mein Denken durch all die zu erledigenden Aufgaben, Alltagslasten oder gar Sorgen am Ersticken und lähmt meine Tatkraft, anstatt dass ich mich in einem Flow bewege. 


„Das Unterwegssein in der Natur formt den Charakter. Einfachheit und Unmittelbarkeit sorgen für Respekt und Bescheidenheit und fördern gleichzeitig Entschlossenheit und Tatkraft. Die Natur ist Ort des Rückzuges und Schauplatz des Kräftemessens an eigenen Grenzen. Ruhige Naturbegegnungen ebenso wie Gipfelerlebnisse berühren und brennen sich tief in unser Gedächtnis ein, sie bereichern unseren Erfahrungsschatz und machen das Leben lebenswert. Ebendiese Wirkkraft der Naturerfahrung mache ich mir als Berater zu Nutze, wenn ich mit meinen Mandanten in die Natur gehe.“

Schreibt Zuffellato und ich schließe mich den Erfahrungen für mein eigenes Leben wie auch für die Art von Begleitung ihm an.


Über einen Zeitraum eines Jahres besuchte ein Klient, nennen wir ihn Stefan, in regelmäßigen Abständen Einzelcoachings. Sein Auftrag lautete einen Plan für seine nächsten Schritte zu finden. Er hatte kein Ziel und wusste deshalb auch nicht, in welche Richtung er beruflich wie privat gehen sollte. In den Einzelcoachings haben wir uns mit seinen Stärken und Fähigkeiten, wie mit seinem Verhaltensmuster auseinandergesetzt. Wir haben Ressourcen aktiviert und eigene Lebensstile erarbeitet. Stefan wurde ersichtlich, dass er sich nach Neuem sehnt und in guter Gemeinschaft die „Welt“ entdecken möchte. Er fühle sich gut, wenn er helfen könne. Sein Ist-Zustand aber, wie er sagte, gleiche eher einem zerlegten Flieger im Hangar. Er warte auf einen klaren Auftrag, um Schritte zu wagen oder ‚abzuheben‘. 


Während des Coachingverlaufs wurde dem Klienten bewusst, dass er nicht selbst entscheiden will, wohin es gehen soll, da er ansonsten Verantwortung übernehmen müsste. Keine eigenen Ziele zu haben, bringt den Vorteil nicht entscheiden zu müssen. Denn Entscheidungen könnten Konflikte auslösen, so seine innere Überzeugung, weshalb er in der Vermeidung mit dem Preis der Unzufriedenheit stehen blieb. Stefan wurde sein eigenes Verhalten und deren Finalität bewusst, jedoch scheiterte er darin, dieses zu verändern und Entscheidungen zu riskieren. Ergänzend zum Coachingprozess hat sich Stefan für die Expedition - Coaching Tour in Lappland - angemeldet, um sich vertieft seiner Frage nach dem „nächsten Schritt“ zu stellen. 


Eine Woche wandern, in einer kleinen Gruppe von maximal zehn Teilnehmer, durch arktische Wälder, Fjorde, Schluchten und an Wasserfällen vorbei, im Gebiet zwischen Abisko und Nikkaluokta, das zu den schönsten Trekkingrouten Europas zählt. Keine anderen Menschen weit und breit, kein Handyempfang, nur die Weite mit ihren bezaubernden Farben des Indian Summers und der Stille inmitten rauer und wilder Landschaft. Die Natur bietet einen wichtigen Abstand vom Alltag. Ruhe finden und ungezwungen die Suche nach eigenen Fähigkeiten und Stärken unter die Füße nehmen. Wir unterhalten uns während des Unterwegsseins über drei wichtige Ebenen: Person – Vision – Navigation. Wer bin ich? Was will ich? Wie komme ich dahin? 


Person - Wer bin ich? 

Die erste Ebene stellt die Frage: „Wer bin ich?“ Dabei werden über Ressourcen, Fähigkeiten und Möglichkeiten nachgedacht. Eigene Persönlichkeit, im Einklang mit individuellen Werten und Bedürfnissen wahrnehmen und sich als ganzheitliche Persönlichkeit verstehen. 


Vision – Was will ich? 

In der zweiten Ebene widmen wir uns einer Standortbestimmung. Die Herkunft wie auch der aktuelle Standort werden analysiert und Rahmenbedingungen geklärt. Eine Auslegeordnung der Ist-Situation, wie eine Reflexion der eigenen Ziele und Wünsche sind hilfreich, um die nächsten Schritte in die richtige Richtung zu gehen. Aufgrund eigener Stärken und Werten seine Ziele zu definieren und die Zukunft zu visualisieren, um sie aktiv zu gestalten. 


Navigation - Wie komme ich dahin? 

Die dritte Ebene setzt sich mit der Umsetzung auseinander. Visionen brauchen klare Strategien, die entwickelt und mögliche Schritte erarbeitet werden wollen um mutig den eigenen Zielen entgegen zu kommen. 


Wenn wir eine Expedition planen, definieren wir mit den Teilnehmern den Start- und den Zielort. Wir übertragen beides auf eine Karte und studieren den Plan eingehend. Meistens gibt es nicht nur einen Weg zum Ziel, sondern viele verschiedene Möglichkeiten. Manche Wege sind länger, manche sind schwieriger und bei einigen muss man einen hohen Berg erklimmen oder einen reißenden Fluss überqueren. Der kürzere Weg ist oft nicht der einfachere und der einfachere Weg ist oft nicht der schönste. Die Karte gibt lediglich eine Orientierung, sie nimmt nicht die Entscheidung ab, welchen Weg wir wählen sollen.

Das Unterwegssein ist Erlebnis und Metapher zugleich. Es fördert den Mut und die Bereitschaft, sich auf das Leben und die eigenen Visionen und Ziele einzulassen und sich zu fokussieren. Es hilft, sich zu orientieren, die eigene Ausrüstung (Fähigkeiten und Stärken) zu überprüfen und zu trainieren, wie auch neue Wege zu gehen. Das ‚Schritt-für-Schritt Vorangehen‘, das ganz ‚Bei- Sinnen-Sein‘ in der Natur, die Reflexion und der Austausch über die gemachten Erfahrungen sind besonders dann eine Hilfe, wenn in der momentanen Lebensetappe ein eigentlicher ‚Berg‘ vor dem Teilnehmer liegt. 


Einen solchen Berg hatten wir wortwörtlich am dritten Tag unserer Expedition. Die Teilnehmer hatten die Route so gewählt, dass wir einen schneebedeckten Pass überqueren mussten. Ich kannte diese Route und empfahl, dass wir am Vortag so weit wie möglich aufsteigen, um die kalte Nacht in einer kleinen Schutzhütte zu verbringen. Das Wetter wurde über Nacht schlechter und dicker Nebel, starker Wind, sowie Schneefall setzten ein. Jeweils am Morgen, starteten wir mit einem zehnminütigen Impuls, der den Tag unter Themen wie Mut, Ängste, Ausdauer und Wille stellt, den ich als Coach vortrage. An diesem Morgen ging es um den Preis, den man bezahlt, um ein Ziel zu erreichen. Denn „träumen ist gratis, den Traum zu leben hat seinen Preis.“ 


Jeden Morgen frage wir, ob ein Teilnehmer die Tagesleitung übernehmen möchte und die Gruppe durch Navigation und Streckeneinteilung führt. Stefan hatte sich an diesem Tag für die Herausforderung der Tagesleitung entschieden, was mich sehr freute. Er hatte die ganze Gruppe anhand des GPS durch den dicken Nebel geführt, mit eisernem Willen und Ausdauer die dreihundert Höhenmeter im steilen und schneebedeckten Gelände auf den Pass „gezogen“. 


Nach der Passüberschreitung hat Stefan, da er ziemlich erschöpft war, die Führung abgegeben und im langen Abstieg, bei anhaltendem Schneegestöber, welches weiter unten in Regen überging und uns völlig durchnässte, jeden einzelnen Stein „verflucht“. Mental völlig am Limit hatte er als Letzter der Gruppe am Abend das Zeil erreicht: Eine warme Holzhütte im Tal. Die schwedische Sauna war vom Hüttenwart schon eingeheizt worden und für uns bereit. Dort konnte der „Etappen-Sieg“ gefeiert, das Erlebte in einer lockeren Runde reflektiert und über die individuellen Erlebnisse gesprochen werden. 


Metapher und Reflexion 

Diese Tagesetappe wurde eine wichtige Erfahrung und wertvolle Metapher für Stefan, die eine Isomorphie zu seinem Alltag herstellte. Mit einem klaren Ziel vor Augen hatte er Verantwortung übernommen und die ganze Gruppe im Anstieg sicher angeführt. Im Abstieg hingegen, als er sich „gehen ließ“, nahm er seine gewohnte „Opferrolle“ ein und gab allen und allem die Schuld für seine missliche Lage. Dieses antrainierte Verhalten, die Entscheidungen abzugeben, um nicht die Verantwortung für seine Umstände zu übernehmen, konnten wir nach der Tour in einem Nachfolgegespräch erneut aufgreifen und vertiefen. Der entgegengesetzte Unterschied seiner beiden Haltungen bei der Überquerung des Passes und der resultierenden Folgen wurden Stefan ein bleibendes Erlebnis. Dieses hatte ihm geholfen, sein Verhaltensmuster zu verstehen und erste Schritte in seinem Alltag zu wagen, eigene Entscheidungen zu treffen. Drei Monate nach der Tour schrieb er mir folgende Zeilen: „Vielen Dank für die herausfordernden Gespräche. Ich stehe zwar immer noch am Berg, aber immerhin sehe ich ihn nun und habe die ersten Höhenmeter bezwungen.“ 


Das Erlebnis als Ergänzung 

Die Expedition in Ergänzung zu einem Coachingprozess, sei das im Vorfeld oder im Anschluss, ist nachhaltig und gewinnbringend. Es hilft Themen zu vertiefen und aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Der Klient begibt sich in naturnahe Herausforderungen. Das Lösen dieser Aufgaben soll befähigen, gewohnte Verhalten in bestimmten betrieblichen oder privaten Alltagssituationen mit neuen Strategien zu begegnen und zu verändern. Wir verlassen das normale Anwendungsfeld, trainieren „off the job“ in einem zeitlich und räumlich getrennten Umfeld, neue Wahrnehmung soll geschult und alte Muster hinterfragt, sowie Stärken gestärkt und Grenzen erweitert werden.


Folgende Rückmeldungen zweier Teilnehmer beschreiben die persönlichen Erfahrungen einer Expedition und deren Auswirkung. Die spätere Verifizierung des zweiten Feedbacks macht aber auch deutlich wie wichtig ein ergänzendes Coaching ist, um den Erlebnissen und Erfahrungen Nachhaltigkeit zu gewähren. 


„Herzlichen Dank für eine unglaublich bereichernde, erlebnisreiche und prägende Woche!“ schreibt eine Teilnehmerin im Feedback. „Inmitten der wunderschönen Natur Islands, abge- schieden von jeglicher Zivilisation, haben wir mit 20 kg Gepäck am Rücken die teilweise endlos scheinenden Wege beschritten und ein unvergessliches Abenteuer erlebt. Umgeben von tollen Menschen, eins mit der Natur, weg von der Hektik des Alltags nach der inneren Ruhe suchend, durfte ich meine Grenzen kennenlernen und feststellen, dass der Wille unglaublich viel bewegen kann – auch wenn sich die Füsse, der Rücken oder die Knie ab und zu nach Pausen sehnten... Gestärkt, voller Freude sowie mit einem grossen Strahlen auf dem Gesicht, blicke ich auf die Expedition Island zurück – im Land der Wikinger habe ich meine Grenzen ausgelotet und durfte definitiv daran wachsen!” 


Ein anderer Teilnehmer meldete folgende Begeisterung zurück: „Die Woche mit Euch fühlte sich traumhaft an. Fast unwirklich, ich kann es nicht wirklich beschreiben. Alle Last, die ich mir ja selber auferlege, war von mir gewichen. Effektiv habe ich mich schon, nicht übertrieben, seit Jahren nicht mehr so frei und entspannt gefühlt wie am Ende unseres gemeinsamen Abenteuers. Obwohl der Rucksack saumäßig schwer war!“ 



Chancen und Grenzen von Expeditionen 

Outdoor-Trainings wie Expeditionen tragen nicht nur dazu bei, Lernziele wie Entwicklung und Erweiterung der Kompetenzen zu erreichen, sondern haben auch den positiven Effekt, wie z.B. Abenteuer, Spaßfaktor, gesundheitliche Aspekte, Entschleunigung, Sinnorientierung oder Ausgleich zum Alltag. Die Expedition bietet dennoch nicht nur Chancen, sondern auch Grenzen, die zu beachten wichtig sind: 


Grenzen 

Da man in einer Expedition sehr schnell auf zentrale Themen der Teilnehmer stößt und das Lernen oft natürlich wird, sollte die ausgelöste Euphorie beim Teilnehmer wie beim Trainer nicht darüber hinwegtäuschen, wie schwer es ist, das Gelernte im Alltag umzusetzen.


Euphorische Hochgefühle können auch ausgelöst werden, weil ein schwieriger Fluss oder Passüberquerung erfolgreich gemeistert wurde, ebenso können starke negative Gefühle wie Angst oder körperliche Grenzen den Teilnehmer blockieren. Es ist wichtig, dass die psychische und physische Sicherheit der Teilnehmer jeder Zeit nach der „Null-Unfall-Philosophie“ von Stefan Gatt gewährleistet wird und die Expedition auf einem kalkulierbaren Restrisiko durchgeführt wird.


Unter psychischen Grenzen verstehe ich nicht unangenehme Gefühle oder Frustration, die durchaus auch mal Tränen oder Wut hervorrufen können. Psychische Grenzen werden über- schritten, wenn z.B. der Teilnehmer aufgrund von Gruppendruck eine Situation zwanghaft oder bis zum Ende durchhalten muss, um kein Verlust von Ansehen und Status zu riskieren, da in diesem Fall das Prinzip der Freiwilligkeit übergangen wird. 


Das Verletzten der Freiwilligkeit, sowie Druck oder Zwang sind unfallfördernde Faktoren und können zur Überschreitung der physischen Grenzen (Panikzone) führen. Physische Sicherheit soll durch das Prinzip der Redundanz, also des „double checks“ und der Funktionsteilung der Trainer, wie auch durch das Aufklären des Restrisikos und der Eigenverantwortung des Teilnehmers gesichert werden. 


Chancen 

Das besondere an der Natur ist für den Psychotherapeuten und Coach Dr. Molan-Grinner, dass sie wild, abenteuerlich, gefährlich und nicht beherrschbar ist.

„Es kommt darauf an, sich der Natur anzupassen, die natürlichen Bedingungen anzuerkennen und sein Verhalten daran anzupassen.“

Der Naturraum birgt dabei eine Vielfältigkeit und einen Ressourcenreichtum in sich, der künstlich nie in der Art hergestellt werden kann. Das wiederum begünstigt das Finden von Lösungen durch eine Anregung und stiftet zum Ideenreichtum für alternative Lösungswege an.


Eines der ausschlagenden Argumente, Erlebnisse in der Natur als ein hilfreiches und förderliches Training zu gebrauchen ist, dass der Teilnehmer in realen und herausfordernden Bedingungen mit „offenen Karten spielt“. Lebensstile, Verhalten und Denkmuster kommen unweigerlich an die Oberfläche, die Masken fallen, man kann sich nicht verstecken und „so-tun-als-ob“, was wiederum viel Feingefühl und Didaktik der Trainer erfordert, damit die Elemente Natur, Gruppe und Erlebnis dem einzelnen Teilnehmer zu Wachstum verhelfen. 


Eine Outdoor-training bietet eine Vielzahl von Chancen, Möglichkeiten und Vorteile, um zu Veränderung und Entwicklung beizutragen. 

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